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Leistungsgesellschaft
Die
Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben, bewegt die
Sozialwissenschaftler und unter ihnen besonders die Soziologen
immer mehr: Dies gilt um so mehr als sich die moderne
Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert, der soziale,
technische und ökonomische Wandel fortschreitet und neue
Aspekte ihrer heterogenen Wirklichkeit die Wissenschaft von der
Gesellschaft faszinieren.
So wird die Akzentuierung einzelner gesellschaftlicher Ausprägungen
wie etwa des Wissens, der Arbeit, der Verantwortung, des
Erlebnisses, des Bürgers, des Risikos, der Desintegration oder
des Postindustriellen bis hin zur Multikultur zum Präfix in der
Gesellschaftstypisierung. Nach Meinung von 63 Prozent der Bevölkerung
ab 14 Jahre läßt sich unsere Gesellschaft als
"Leistungsgesellschaft" bezeichnen (vgl. Tabelle).
Gerade dieser Blickwinkel ist im Hinblick auf die
gesellschaftspolitische Programmatik einer "offenen
Gesellschaft" (Karl Popper) ausschlaggebend. Ob nun
Wissens-, Arbeits-, oder Erlebnisgesellschaft: allemal zeichnet
sich das Konzept der "offenen Gesellschaft" unter
anderem dadurch aus, dass sich die soziale Struktur nicht wie in
der Ständegesellschaft auf Besitz und Herkunft gründet,
sondern idealer Weise auf der individuellen Leistung: Die
soziale und berufliche Positionierung (Auf- und Abstiege,
Mobilität) erfolgt nach individuellen Leistungen. Der Übergang
zur Leistungsgesellschaft fand etwa in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts statt.
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Die
sozialen Systeme wie das Bildungs- und Erwerbssystem sollen möglichst
wenige Barrieren beinhalten, so dass jeder unabhängig von
seiner Herkunft und seinem Besitz die Möglichkeit des sozialen
Aufstiegs - und damit aber auch des Abstiegs - hat. Verständlicherweise
sind diese Idealbedingungen nicht immer und überall gegeben.
Mit der Kategorie der Leistung als Faktor sozialer
Differenzierung entstanden eine Reihe von neuen Fragen: Fragen
des Leistungswettbewerbs, der Leistungsprinzipien und
-kriterien, der Leistungsnormierungen, der
Leistungsmotivationen, der Legitimation von Leistungsansprüchen,
der Leistungsgerechtigkeit und damit der Verteilung von
Leistungsvergütungen.
Inzwischen
wird der Leistungsgedanke weit über den Erwerbsbereich hinaus
angewandt, was angesichts dieser mit der Kategorie Leistung
verbundenen Fragen zu erheblichen neuen Problemen führen kann,
zumal hier meist keine Markt-Bedingungen vorliegen. Als
gesellschaftlich relevante Leistungsbereiche zählen heute die
Eigenarbeit, die Haus- und Familienarbeit und auch die gesamte
informelle Gemeinwohlarbeit.
Damit wird ein Bereich der informellen Ökonomie eröffnet.
Eine solche Ausdehnung des Leistungsbegriffs bringt es mit sich,
dass sich die Spannweite sozioökonomischer Aktivität nicht
mehr allein auf die Erwerbsarbeit beschränkt. Ein nicht
unwesentlicher Grund für diese Erweiterung der Betrachtung
liegt in der pessimistischen Annahme eines "Endes der
Arbeit". Man spricht daher unter anderem auch von einer
"Tätigkeitsgesellschaft", um die erweiterte
Perspektive anzudeuten. Wird allerdings die Bevölkerung danach
gefragt, was sie mit dem Begriff "Leistung" verbindet,
so nannten im Jahr 2000 sieben von zehn Befragten (71 Prozent)
"Arbeit leisten" (vgl. Tabelle).
Nach vorliegenden Untersuchungen ist davon auszugehen, dass der
erwerbszentrierten Leistungsgesellschaft nicht die Arbeit
ausgeht, sofern geeignete Rahmenbedingungen dies zulassen. Hierfür
spricht zum Beispiel der nach wie vor hohe Fachkräftemangel in
fast allen Branchen. |
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